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"RB Leipzig ist also auch in Marbella täglich präsent!"

Fünf Jahre nach seinem legendären Treffer gegen Darmstadt: Interview mit RBL-Legende Fabio Coltorti | Sein Leben nach dem Fußball | Großes Lob für Péter Gulácsi | Was ihm an dem Tor gegen Darmstadt besonders gefällt

24. April 2015. 20.20 Uhr. Red Bull Arena. Es läuft die 93. Minute im Spiel zwischen RB Leipzig und dem SV Darmstadt, als Fabio Coltorti sein Tor verlässt und sich im Strafraum des Gegners positioniert. Dominik Kaiser serviert einen Eckball, Omer Damari verlängert per Kopf auf Coltorti. Annahme mit links, schnelle Drehung und ein Rechtsschuss aus viereinhalb Metern halbhoch ins linke Eck. Es ist das 2:1-Siegtor und macht den heute 39-Jährigen zur Vereinsikone.

Fünf Jahre später haben wir mit Fabio über sein Leben nach dem Fußball, seinen Nachfolger Péter Gulácsi und natürlich diesen besonderen Treffer gesprochen.

Der Held der Nachspielzeit! Mit seinem historischen Treffer in der Nachspielzeit gegen Darmstadt entfachte unsere damalige Nummer 1 pure Euphorie in der Red Bull Arena.

Fabio, zunächst die wichtigste Frage: Wie geht es euch?

Uns geht es gut, wir sind gesund. Natürlich wirkt sich die Corona-Krise auch auf unseren Alltag aus und wir müssen fast ausschließlich Zuhause sein. Gerade Spanien ist besonders schwer betroffen. Doch in gewisser Weise hilft es auch, sich das Leben und all die Dinge, die man hat, wieder etwas bewusster zu machen und zu ordnen.

Ich habe uns daheim ein kleines Studio eingerichtet, wo wir Sporttreiben können – denn Bewegung bleibt natürlich wichtig. Außerdem helfe ich meiner zehnjährigen Tochter bei den Schulaufgaben, wobei sie da schon sehr selbständig ist. Adriana spielt professionell Tennis und wir versuchen auch in diesen Zeiten ein bis zwei Stunden zu trainieren, machen kleine Spiele zur Koordination, für die Beweglichkeit und die Rumpfstabilität. Das tut uns gut.

Du hast deine Karriere vor zwei Jahren beendet, bist dann zurück nach Marbella gegangen. Wie hast du dich im Leben ohne Fußball eingefunden?

Sehr gut und der Fußball fehlt mir auch nicht. Ich habe mich im ersten Jahr viel mit Yoga beschäftigt, auch eine Ausbildung zum Yoga-Lehrer abgeschlossen. Jetzt habe ich auch das Thema Meditation für mich entdeckt und treibe natürlich viel Sport. Seit einem Jahr trainiere ich meine Tochter aktiv mit, kann durch meine Erfahrung als Fußballprofi vor allem im Athletiktraining viel einbringen.

Und ich habe selbst quasi von 1 an Tennisspielen gelernt, sodass ich Adriana nun als Sparringspartner etwas besser im Training unterstützen kann. Aber es wird nicht mehr lange dauern und ich werde keine Chance mehr gegen sie haben.

Wechseln wir vom Fußball zum Tennis. Spielt der Lederball noch eine Rolle bei dir?

Fast keine. Ich schaue auch keine Spiele im TV, maximal ein Halbfinale oder Finale der Champions League oder einer Weltmeisterschaft. Ich habe auch schon zu aktiven Zeiten nur ganz selten im Fernsehen Fußball geschaut.

Natürlich verfolge ich im Internet die Resultate, vor allem meiner ehemaligen Vereine. Und so geht mein Blick immer nach Leipzig, denn RBL ist der Klub, wo ich meine emotionalste Zeit hatte und der mir am nächsten steht.

Und bist du zufrieden, wenn du auf die Bundesliga-Tabelle schaust?

(lacht) Auf jeden Fall! Auch wenn der Ball gerade ruht, hat RB Leipzig bislang eine fantastische Saison gespielt und das Erreichen des Viertelfinals in der Champions League war ein weiterer Meilenstein. Ich schaue jetzt als Fan auf das Geschehen in Leipzig und bin ein sehr zufriedener Fan, zumal die Entwicklung noch lange nicht am Ende ist.

Wann können wir dich mal wieder in Leipzig begrüßen?

Mal schauen. Aktuell geht meine Reiselust gegen Null. Ich habe einen tollen Wohnort für mich und meine Familie, ein großartiges Klima, kann hier Sporttreiben und das Leben genießen – deshalb zieht es mich nicht in die Welt hinaus.

Als mein Karriereende feststand, habe ich meine Sachen aus meiner Wohnung in Leipzig in mein Auto gepackt, bin 27 Stunden nach Hause gefahren und lebe jeden Tag zufrieden und glücklich. Dennoch wird es sicherlich einmal einen Besuch in Leipzig geben, zumal ich in der Stadt auch noch einige gute Freunde habe.
 

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Trainingscamp im Januar 2018 in Belek (Türkei): Fabio zusammen mit Péte Gulácsi und Benjamin Bellot.

Vielleicht klappt dann auch ein Wiedersehen mit deinem Nachfolger Péter Gulácsi. Was sagst du über Pétes Werdegang?

Überragend! Péte hat sich unglaublich weiterentwickelt und auch auf europäischer Ebene als absoluter Top-Torwart etabliert. Vor allem seine Konstanz über die Jahre ist herausragend. Das freut mich extrem, denn es war immer eine sehr gute Zusammenarbeit mit ihm – sportlich, aber vor allem auch menschlich.

Und mich hat schon von Beginn an eins an Péte beeindruckt …

Okay, wir hören!

Péte kam nach Leipzig mit den Ambitionen, die Nummer eins zu sein, hat dann aber zunächst nicht gespielt. Doch er hat den Kopf nie in den Sand gesteckt oder nach irgendwelchen Gründen gesucht, sondern auf die Zähne gebissen und jeden Tag weiter hart gearbeitet – und das immer extrem kollegial. In diesem Zusammenhang gab es einen für mich sehr symbolischen Moment.

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Mai 2016: Fabio feiert mit Rani Khedira, Stefan Ilsanker, Marcel Sabitzer, Benjamin Bellot und Davie Selke den Aufstieg in die 1. Bundesliga

Du meinst vermutlich das Heimspiel gegen den KSC im Mai 2016, als wir den Aufstieg in die Bundesliga perfekt gemacht haben!

Genau! Péter war zu diesem Zeitpunkt Stammkeeper, doch unser Trainer Ralf Rangnick wollte zu diesem Spiel einen Wechsel im Tor und hat mich wieder in die Startelf gestellt. Als uns Ralf das mitteilte, hat Péte keine Sekunde gezögert und mir sofort gratuliert.

Das hat schon damals seine menschliche Reife und seine Mannschafts-Dienlichkeit gezeigt. Es gibt für einen Fußballer nichts Schlimmeres, als nicht spielen zu können – gerade in so einer Partie. So eine Reaktion konnte man also keinesfalls erwarten.

Erwarten konnte man auch nicht, dass du mit einem Tor in die RBL-Geschichtsbücher eingehst. Wie fühlt sich der heutige Jahrestag deines Treffers gegen Darmstadt an?

Auf jeden Fall viel weniger emotional. Es ist schon witzig, dass diese Aktion das Markanteste meiner 20-jährigen Torwartkarriere ist (lacht). Für mich ist vor allem das Schöne daran, dass dieses Tor ein Verbindungspunkt ist, der mich immer wieder mit Menschen zusammenführt. Sei es mit Journalisten oder eben auch mit RB Leipzig.

Ich weiß, dass es gerade den Fans sehr, sehr viel bedeutet und habe deshalb nichts dagegen, wenn es einmal im Jahr zelebriert wird.

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Vor genau fünf Jahren traf Fabio Coltorti gegen Darmstadt in letzter Minute zum 2:1 in die Maschen. "Für mich ist vor allem das Schöne daran, dass dieses Tor ein Verbindungspunkt ist, der mich immer wieder mit Menschen zusammenführt."

Hast du die Schuhe von damals aufgehoben?

Ja, Schuhe und Trikot habe ich daheim. Wie auch je ein Trikot aus jeder Saison bei RBL und die Hose, die ich anhatte, als wir 2017 in Berlin in die Champions League eingezogen sind.

Das Trikot, das meine Frau bei der Aufstiegsfeier auf dem Markt getragen hat, haben wir auch aufbewahrt. Und jede Menge Trainingsklamotten, die ich auch fast jeden Tag anhabe. RB Leipzig ist also auch in Marbella täglich präsent (lacht).

Fabio, vielen Dank für das Gespräch. Und das Tor – das uns mindestens einmal im Jahr wieder zusammenbringen wird!

Ich danke, bleibt gesund und hoffentlich rollt bald wieder der Ball!

Grußbotschaft aus Spanien von Fabio Coltorti

Einmal Leipzig, immer Leipzig!

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