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Anja Mittag im Interview: „Man spürt, dass der Verein Bock hat!“

Anja Mittag spricht über ihr erstes Jahr bei RB Leipzig: „Mich hat die Version des Vereins überzeugt.“ | „Anfangs wurde es plötzlich leise, wenn ich in die Kabine kam.“ | „Ich hoffe, dass wir langfristig in der Bundesliga spielen.“ | Anjas neuer Podcast: „Mittag`s bei Henning“

Anja Mittag ist Olympiasiegerin, Weltmeisterin – und aktuell Zweitplatzierte der Torschützenliste in der Regionalliga Nord-Ost. Vor knapp einem Jahr kam sie zu den Roten Bullen. Heute steht unser Frauenteam mit zehn Punkten Vorsprung unangefochten an der Tabellenspitze und hat damit gute Chancen auf den Aufstieg in die 2. Bundesliga – sofern Corona keinen Strich durch die Rechnung macht. Über die Fortsetzung der Liga ist Stand jetzt noch nicht entschieden.

Für uns lässt die Chemnitzerin, die jüngst ihren 35. Geburtstag feierte, ihr erstes Jahr in Leipzig Revue passieren, spricht über das quälende Gefühl der Unsicherheit in der Corona-Pause, ihre Doppel-Rolle im Team und erklärt, warum der deutsche Frauenfußball einen Blick nach Großbritannien werfen sollte.

 

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In Aktion! Anja Mittag hat für unser Team in dieser Saison schon 18 Treffer erzielt.

Anja, du hast eigentlich deine aktive Karriere beendet, nun schnürst du für RB Leipzig die Fußballschuhe. Woher kam der Sinneswandel?

Eigentlich hatte ich vor einem Jahr nur gesagt, dass ich meine Profikarriere beende. Ich wollte stattdessen einer unterklassigen Mannschaft dabei helfen, nach Höherem zu streben. Und dann kam die Anfrage von RB Leipzig. Ich stand mit dem Verein schon länger in Kontakt und so war es für mich ein passender Übergang zu der Karriere nach der Karriere.

Was genau hat dich an RB Leipzig gereizt?

Mich hat die Vision überzeugt, dass der Klub irgendwann in der Bundesliga und sehr wahrscheinlich in der Champions League spielen will. So kann ich einer Mannschaft, die klein anfängt, helfen zu wachsen und etwas Großes auf die Beine zu stellen. Und natürlich war auch die Nähe zur Heimat wichtig. Chemnitz ist nur eine Stunde von Leipzig entfernt.

Anfangs wurde es plötzlich leise, wenn ich in die Kabine kam.

Anja Mittag

Hatten deine Mitspielerinnen Berührungsängste, als du das erste Mal zum Training kamst?

Anfangs wurde es plötzlich leise, wenn ich in die Kabine kam. Ich habe eine Doppelfunktion als Spielerin und Individual-Trainerin und meine Mitspielerinnen wussten nicht, wie sie mich zu nehmen haben und was in der Kabine bleibt und was nach außen getragen wird. Aber die Skepsis hat sich schnell gelegt und mittlerweile harmoniert es sehr gut.

Ist der Spagat zwischen der Spielerinnen- und Trainerinnenrolle schwierig für dich?

Ich habe das Gefühl, dass es mir ganz gut gelingt, auch wenn es am Anfang natürlich eine Umstellung war. Gelegentlich muss man ein bisschen mehr aufpassen, was man sagt. Aber ich finde den Spagat ganz und gar nicht schwierig oder anstrengend. Ich glaube, ich erfülle beide Rollen zufriedenstellend.

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Der kurze Draht: Anja Mittag im Gespräch mit Chefcoach Katja Greulich.

Strebst du perspektivisch eine Trainerinnenkarriere an?

Noch weiß ich nicht so genau, wo die Reise hingeht. Ich will mich weiterentwickeln und alles mitnehmen, was ich kann. Ich bin jetzt erst ein Jahr dabei und es macht mir großen Spaß zu trainieren. Im Individualtrainerbereich sehe ich mich definitiv, ob Mannschaftstraining etwas für mich ist, weiß ich noch nicht. Aber ich bin ja jung im Beruf und offen für Neues!

Wie blickst du auf das vergangene Jahr mit RB Leipzig zurück?

Es war ein spannendes und aufregendes Jahr. Nach so vielen Jahren im Ausland war es toll, wieder in Deutschland zu sein. Auch beruflich war es erstmal eine große Umstellung. Zu Profizeiten hat man trainiert, Mittag gegessen, sich behandeln lassen und ist dann nach Hause gefahren. Jetzt habe ich einen Full-Time-Job mit langen Arbeitstagen, weil wir normalerweise spät trainieren. Deshalb war ich die ersten Wochen ziemlich kaputt. Sportlich war es für uns bis zu dem Corona-Stopp ein sehr erfolgreiches Jahr.

Absolut, ihr seid aktuell mit Abstand Tabellenführer der Regionalliga Nord-Ost. Inwiefern beschäftigt dich die Unsicherheit über die Fortsetzung der Liga?

Am Anfang hat uns die Unsicherheit sehr beschäftigt. Man fragt sich, ob die ganze Arbeit umsonst war und ob man jetzt noch ein Jahr in der Regionalliga spielen muss. Das selbst nicht beeinflussen zu können, war schon ein Dämpfer. Es gab zwar positive Signale, aber final ist noch nichts entschieden. Am 25. Mai wird die Entscheidung von den Verantwortlichen getroffen. Natürlich wäre es schön, wenn wir für die Arbeit belohnt werden und nächste Saison eine Liga höher spielen.

Wie haltet ihr euch in der Corona-Zeit fit?

Wir haben von unserem Athletiktrainer Trainingspläne bekommen, zusätzlich gab es Videoeinheiten und Laufpläne. Seit letzter Woche sind wir wieder im Kleingruppentraining und man merkt den Mädels an, dass sie wieder richtig Bock auf den Ball haben und das schöner finden, als nur durch den Wald zu joggen.

Es wäre großartig für den Verein, wenn wir perspektivisch um die Meisterschaft mitspielen und uns für die Champions League qualifizieren.

Anja Mittag

Wärst du dann auch noch für RBL am Ball?

Definitiv werde ich nicht mehr jahrelang spielen. Ich bin viele Jahre im Profibereich aktiv gewesen und die zweite Liga würde für mich sportlich nochmal einen größeren Aufwand bedeuten. Ich weiß noch nicht, inwieweit ich das möchte. Vielleicht helfe ich dem Team dann lieber nur als Trainerin und nicht auch als Spielerin, wir werden sehen.

Das heißt, du bleibst dem Verein erhalten, selbst wenn du nicht mehr spielen solltest?


Sehr gerne! Ich fühle mich sehr wohl im Klub und in der Stadt. Man spürt, dass der Verein Bock hat und dass er etwas bewegen möchte. Natürlich fangen wir klein an, aber das ist eine aufregende Reise. Bei der dabei zu sein, ist klasse.

Eine allgemeine Frage zum Abschluss: Warum ist es grundsätzlich wichtig, dass Bundesligisten auch ihre Frauenteams fördern?

Profi-Männervereine haben eine super Infrastruktur und damit auch gute Gegebenheiten für den Frauenfußball. Dazu haben sie eine starke Marke, ganz zu schweigen von den finanziellen Möglichkeiten. Der Frauenfußball wird mit der Zeit professioneller und irgendwann können reine Frauenvereine das eventuell nicht mehrt stemmen. Dann sind die Bundesligisten gefragt. In England zum Beispiel gibt es eine Profiliga, in der die Frauenteams der Profi-Männervereine spielen. Ich glaube, Deutschland sollte das auch anstreben. Es wäre eine super Sache, wenn Frauen dann auch von dem Sport leben können, den sie lieben.
 

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Mannschaftliche Geschlossenheit: das Frauenteam von RB Leipzig.

Wenn ihr mehr über Anja Mittag erfahren wollt, hört in Anjas neuen Podcast „Mittag`s bei Henning“ rein. Dort spricht sie mit der ehemaligen Nationalspielerin Josephine Henning über Themen des Frauenfußballs und empfängt prominente Gäste wie Ex-Nationalmannschaftskollegin Tabea Kemme.

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