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'Kogge' trifft auf Kogge: "Ein wahnsinnig emotionaler Moment!"

Tim Sebastian spricht im Interview über seine Zeit beim FC Hansa Rostock, die prägendsten Momente und wie er den Gegner jetzt einschätzt

Tim Sebastian ist einer der routiniertesten Spieler bei den Roten Bullen. Doch am Samstag (23. November; Anstoß: 14.00 Uhr) ist für ‚Kogge’ ein ganz besonderer Tag, der selbst einen erfahrenen Spieler wie ihn nicht kalt lässt: Unser Abwehrbulle trifft erstmals in seiner Karriere mit dem FC Hansa Rostock auf den Verein, wo seine Profikarriere begann.

Zehn Jahre spielte der 29-Jährige bei den Hanseaten, lief dort unter anderem in 133 Erst- und Zweitligaspielen auf und erlebte als Fußballer ein Wechselbad der Gefühle. Warum, weshalb ihn die Zeit bei Hansa derart prägte und wieso ihn gerade unsere Fans so imponieren, erzählt er in unserem Interview.

Anker-Aktion vor dem Ost-Derby gegen den FC Hansa Rostock.

Tim, am Samstag trifft ‘Kogge‘ auf Kogge...

„Ja, ja... (lacht) Den Namen hat mir Ingo Hertzsch verpasst. Bei mir bot sich das natürlich an, nach zehn Jahren bei Hansa. Aber ich muss sagen, dass ich das viel entspannter finde, wenn man jemanden mit seinem Spitznamen anredet. Das wirkt einfach persönlicher und schweißt eine Mannschaft nochmals zusätzlich zusammen. So hat halt jeder bei uns seinen Spitznamen.“


Für dich ist die Partie eine ganz besondere. Du musst du das erste Mal gegen den Verein ran, bei dem deine Karriere begann und bei dem du über die Hälfte des Profilebens verbracht hast. Wie sieht es gerade in dir aus?

„Das ist schon komisch. Obwohl, komisch ist das falsche Wort. Ich kann es eigentlich gar nicht beschreiben, was es ist, weil ich nicht weiß, was es in mir auslöst. Das wird sicherlich ein sehr emotionaler Moment werden, auch wenn ich im Prinzip nur noch Jörg Hahnel und das Betreuerteam kenne. Eigentlich habe ich immer versucht, auf dem Platz gewisse Emotionen zu unterdrücken, weil ich der Meinung bin, dass das teilweise hinderlich sein kann. Aber das wird am Wochenende nicht möglich sein. Auf der anderen Seite kann einen das auch zu Höchstleistungen antreiben. Dieser Extrakick eben.

 

Zehn Jahre warst du in Rostock. Eine verdammt lange Zeit! Erzähl mal!

„Im Rückblick ist das natürlich eine gewaltige Spanne. Das war eine wahnsinnig interessante Zeit, mit richtig geilen Erfolgen aber auch heftigen Rückschlägen. Bei Hansa habe ich also das ganze Spektrum an Emotionen erlebt.“
 

Was blieb am meisten hängen?

„Ganz klar der Aufstieg in die 1. Bundesliga 2007. So ein Erlebnis bleibt immer im Gedächtnis. Wir mussten am letzten Spieltag gegen Unterhaching unbedingt gewinnen. Und dann haben wir tatsächlich in der 85. Minute das 3:1 gemacht. Die Stimmung im Stadion – sensationell! Das kann man gar nicht beschreiben. Dieses unheimlich euphorische Publikum, es war so laut im Stadion, uns fiel eine tonnenschwere Last ab. Dieser Moment schweißt zusammen! Ich stehe immer noch im engen Kontakt mit Marcel Schied (Anm.: Holstein Kiel) oder Amir Shapourzadeh (Anm: Sportfreunde Lotte). Dieses Spiel ist fast immer ein Thema bei uns. Ich vergleiche das gern mit der Partie in Lotte. Obwohl das wir zwei Ligen weiter unten war, ist auch der Moment für immer hängen geblieben.“
 

Und umgekehrt?

„Umgekehrt habe ich den Abstieg in die 3. Liga (2010) mitgemacht. Das war extrem ernüchternd, weil niemand vor der Saison auch nur im Traum daran gedacht hat, dass das überhaupt passieren könnte. Die beiden Relegationsspiele waren psychisch dermaßen beanspruchend, da brach am Ende eine Welt für uns zusammen.“

Was verbindet dich noch mit Rostock?

„Rostock ist für uns immer ein zentraler Anlaufpunkt, wir haben viele Freunde dort und ein Haus, was wir mit Ken Leemans an einen Hansa-Spieler vermieten. So schließt sich irgendwie wieder der Kreis (lacht).“

 

Insgesamt hast du in deiner Laufbahn bei Hansa beachtliche 231 Spiele absolviert. Wie hat dich dieser Teil deiner Karriere geprägt?

„Man muss sich vorstellen: man schafft es im eigenen Verein als Nachwuchsspieler in die erste Mannschaft. Plötzlich war die Schwelle erreicht, die ein Bewusstsein in mir ausgelöst hat, dass man mit harter Arbeit, einem starken Glauben an ein Ziel und ein bisschen Glück etwas Großes erreichen kann. Das hat sich in mein Bewusstsein eingeschweißt.“
 

Du hast in deiner Profikarriere erst drei Vereine durchlaufen. Mittlerweile bist du bereits dreieinhalb Jahre bei RB Leipzig – hinter Hansa die zweitlängste Station. Bist du ein Spieler, der bewusst auf die Konstanz baut?

„Ja! Ich bin jemand, der langfristig denkt. Bei mir ist es so: Ich brauche eine gewisse Zeit, um Leute kennenzulernen. Ein Jahr ist da eigentlich das Minimum, um wirklich zu verstehen, wie die Mannschaft und der Betreuerstab im Detail ticken. Am Ende macht das einen großen Teil des Mannschaftserfolges aus.“
 

Wie siehst du deine Rolle in der Mannschaft?

„Ich habe in der Hinrunde ziemlich viel gespielt, zuletzt mehr als Einwechsler. Aber auch das finde ich eine wichtige Rolle! Gerade unsere Mannschaft hat in den letzten zwei Jahren unheimlich von unseren Einwechslungen profitiert! Das zeigt, dass eine sehr gute Qualität in ihr steckt. Das zeigt aber auch, dass sich die Spieler mit ihrer Rolle als Einwechsler identifizieren. Auch mir ist bewusster geworden, dass alle von dem Erfolg profitieren. Nicht nur die ersten Elf. Sondern alle!“
 

Kannst du das genauer erklären?

„Im Grunde haben wir gelernt zu siegen und verlernt zu verlieren. Klar mussten auch wir Niederlagen einstecken. Aber wie eine Niederlagenserie aussieht, wissen wir nicht. Es ist unheimlich cool zu wissen, wenn wir auf den Platz gehen und alles geben, dann gewinnen wir dieses Spiel. Und das schweißt auch unheimlich zusammen.“
 

Aber birgt das nicht auch eine Gefahr?

„Also ich finde es besser so, als wenn man verlernt hat zu siegen und sich mit einer Niederlagenserie auseinandersetzen muss. Darüber hinaus schärft unser Trainer jeden Tag aufs Neue, dass die Siege eben nicht von alleine kommen. Uns ist allen klar, dass wir im Training den Grundstein dafür legen. Natürlich gibt es auch Tage, an denen der Gegner besser ist oder wir einen schlechten Tag erwischen. Aber man kann zumindest alles investieren!“

Unser Gegner wird am Samstag versuchen, unsere Siegermentalität zu durchbrechen und einen Dreier mitzunehmen. Unterstützt wird die Mannschaft von euphorischen Fans. Du kennst die Fanszene, hast sie selbst hautnah erlebt. Was erwartet uns?

„Die Rostocker Fans lieben ihre Mannschaft - so wie alle Anhänger ihre Vereine. Sie identifizieren sich auch im alltäglichen Leben mit Hansa. Sicherlich ist der Grad ziemlich schmal, positiv aufgeladen zu sein und die Mannschaft richtig anzufeuern und dem Grad, wenn es nicht läuft. Dann schlägt das manchmal ins Aggressive um. Bis jetzt fand ich die Reaktionen von unseren Fans beispielsweise genial! Sie haben uns stets angefeuert und erst gar nicht versucht, negativ auf den Gegner einzugehen. Sie kontern gekonnt mit Ironie – da kommt dann vom Gegner gar nichts mehr. Und ich finde auch: zu einer guten Fanszene gehört, dass man seine Mannschaft positiv unterstützt und nicht versucht, den Gegner negativ zu attackieren. Das imponiert mir bei unseren Fans!“
 

Und wie schätzt du unseren Gegner spielerisch ein?

„Rostock ist eine Wundertüte. Nach einer Durststrecke sind sie wieder auf dem aufsteigenden Ast. Sie haben nicht die doppelte Besetzung und 25 gleichwertige Spieler wie wir. Aber ich denke mit ihren Fans im Rücken werden sie alles daran setzen, uns zu schlagen. Sie werden sich nicht hinten reinstellen und hoffen, dass der liebe Gott hilft. Die Mannschaft wird uns kämpferisch und spielerisch alles abverlangen. Auf jeden Fall werden sie versuchen uns zu provozieren. Aber das ist eigentlich bekannt. Das probieren viele Mannschaften gegen uns. Wir dürfen uns nur nicht von der hitzigen Atmosphäre anstecken lassen und müssen unser Ding durchziehen - dann bin ich sehr optimistisch!“

231 Spiele
absolvierte Tim Sebastian für Hansa Rostock
20063
Minuten stand er dabei für Rostock auf dem Platz
15000
Karten wurden bereits für das Ost-Derby gegen Rostock verkauft

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